Du hast die Wahl – Trend: Multiple Choice Society

13. April 2017
Christoph Muxfeldt

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Schwarz, weiß, bunt …

Erst die Briten, dann die Amerikaner – jetzt sind wir dran. Wir stehen vor der Wahl. Nicht vor irgendeiner, sondern einer richtungweisenden Bundestagswahl inmitten einer gespaltenen Gesellschaft. Auch das noch! Als würde es nicht ausreichen, dass wir tagein, tagaus so viele kleine Entscheidungen treffen müssen, dass es uns den letzten Nerv raubt: Bio oder Sonderangebot? Lesen oder löschen? Kaufen oder ausleihen? Und was ziehe ich eigentlich an? Hinzu kommen die großen Fragen des Lebens: Jobwechsel, Kinder, Eigenheim? Ja klar, äh, nein, ich mein’: Jein!

In einer immer komplexeren Zeit nimmt nicht nur die Anzahl der Fragen, mit denen wir konfrontiert werden, stetig zu – auch die schiere Menge an Antwortmöglichkeiten und Handlungsoptionen. Ganze Generationen stehen im Verdacht, ein kollektives Überforderungsgefühl entwickelt zu haben. „Chronische Abulie“ nennt Autor Benjamin Kunkel die daraus resultierende Entscheidungsstarre in seinem Millennials-Roman „Unentschlossen“. Er problematisiert damit ein Mantra unserer Zeit: Je mehr Möglichkeiten, desto besser! Alternativlosigkeit ist das Gegenteil dessen, was die Multiple Choice Society konstituiert. Allerdings heben wir die allgegenwärtigen Auswahlmöglichkeiten auf den Sockel und halten sie für zu kostbar, um uns am Ende festzulegen. Also lieber Stillstand, denn vielleicht kommt ja noch etwas Besseres!

So spricht jedenfalls der Kulturpessimist. Doch seine Perspektive greift zu kurz. Permanent die Wahl zu haben, ist eine zivilisatorische Errungenschaft, die unsere Lebensart eben nicht gefährdet, solange wir die Chance nutzen und unsere Wahl auch treffen. Und wenn wir uns umschauen, sehen wir in unserer pluralistischen Gesellschaft, dass wir genau das tun und unsere individuelle Gestaltungsfreiheit in so vielen Bereichen wahrnehmen, wie nie zuvor. Wir schaffen fortlaufend neue Lebensstile, die mit klassischen Entwürfen koexistieren: Der eine baut sein Nest in der Doppelhaushälfte, der nächste zieht die Get Together Community vor. Beim einen füllt der Stift pünktlich um fünf, der andere kennt weder Stechuhr noch Feierabend. Und während der bewusste Esser gerade auf Paleo-Diät umstellt, instagramt der Fastfood-Fan lieber frittierte Snickers.

„Freiheit ist der Zwang, sich zu entscheiden.“ Baltasar Gracián y Morales

Aufgrund seiner Vielseitigkeit bleibt das Leben in der Multiple Choice Society fraglos eine Herausforderung. Es ist unmöglich geworden, stets alle Phänomene in Gänze zu erfassen, alle Optionen auszuloten und darauf basierend eine fundierte Entscheidung zu treffen. Wo wir können, bemühen wir uns, den Durchblick zu bekommen, und wo nicht, verlassen wir uns auf unseren inneren Wertekompass, bevor wir die Wahl treffen. Begreifen wir unsere Multiple Choice Society als Privileg, denn unsere Selbstbestimmung ist nicht selbstverständlich. Gerade im Wahljahr 2017, in dem sich viele abgehängt und unfrei fühlen, ist diese Botschaft wichtig. Unsere Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Sie ist bunt und das ist manchmal anstrengend. Wir machen unser Kreuz dafür, dass das so bleibt.