Die Zukunft der Zeitung – Trend: Journalismus 4.0

16. Mai 2017
Linda Benkner

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Der Roboter als Redaktionskollege …

Montagmorgen, Ankunft im Büro. Der Redakteur fährt seinen Computer hoch und brüht sich einen Kaffee auf. Währenddessen legt sein virtueller Kollege los. Er sucht Fakten zusammen und formuliert Sätze aus. Und schließlich erstellt er den Entwurf einer Zeitungsseite, auf Befehlsklick auch in mehreren Sprachen. Er ist nie krankgeschrieben, nimmt keinen Urlaub und arbeitet gern die Nacht durch. Willkommen in der Redaktion 4.0.

Der Schwede Sverker Johansson erstellt mithilfe seines elektronischen Helfers bis zu 10 000 Wikipedia-Einträge pro Tag. In 7 Jahren sind so 2,7 Millionen Artikel in 3 Sprachen zusammengekommen. Und das ist längst kein Einzelfall: The Guardian beispielsweise hat Projekte mit vollautomatisch erstellten Printmedien gestartet, unter anderem die Wochenzeitung „The Good Long Read“. Die Textauswahl basiert auf Social-Media-Content, wobei ein Algorithmus beispielsweise Reaktionen von Facebook-Usern filtert. Findet ein Artikel viel Zuspruch, wird er in ein Template im Essay-Stil adaptiert. Für die Betreuung gibt es nur einen einzigen Mitarbeiter. Selbst die Druckübermittlung erfolgt automatisiert. Algorithmen werden Journalisten dabei helfen, schneller und günstiger das Grundgerüst ihrer Artikel zu erstellen. Einige lästige Routinearbeiten werden entfallen – nicht jeder Wortakrobat träumt davon, seine Zeit mit Zahlenzusammenstellungen zu verbringen. Dabei gelten die Recherchen aufgrund der großen Datenmengen, die herangezogen werden, als absolut zuverlässig. Schließlich entsteht bei gleicher Arbeitszeit ein größerer Freiraum, um komplexe faktenbasierte Artikel zu konzipieren, Zusammenhänge und Meinungen zu überdenken und am Stil zu feilen.

Statistisch berechnet könnte die letzte gedruckte Tageszeitung in Deutschland im Jahr 2034 erscheinen. (Quelle: Prof. Dr. Klaus Meier „Journalismusforschung“, 2012)

In Zeiten des Zeitungssterbens stellen sich Verlage die Frage, wie Journalisten mit Maschinen zusammenarbeiten können. Eine Redaktion, die Verantwortung für ihre Inhalte übernimmt, wird auch künftig leibhaftige Mitarbeiter brauchen. Das Aktualisieren und Einbinden von Inhalten sowie ganzheitliches Arbeiten und Denken werden nicht die einzigen Aufgaben von Menschen sein, denn Roboter können (bislang) keine emotionalen Reportagen, humorvolle Geschichten oder politischen Kommentare schreiben. Es ist die individuelle Stimmfarbe und nicht das Aneinanderfügen von Adjektiven, die eine Story lebendig macht. Neue Blickwinkel und persönliche Einschätzungen machen das Faktengerüst erst spannend. Der fokussierten Datenbrille des Algorithmus entgeht so manch überraschendes Randgeschehen. Und doch könnte der programmierte Kollege neue Textformate entstehen lassen. Roboterjournalisten können die Inhalte der Texte en détail auf Lesergruppen zuschneiden. So werten sie Wünsche und Interessen anhand der Onlineaktivitäten der Leser aus und stellen längere oder kürzere, anspruchsvollere oder stärker unterhaltende Inhalte zusammen. „One size fits all“ weicht einem zielgruppengenauen Ansatz, der auf die individuellen Bedürfnisse der Rezipienten eingeht. Wir können faktisch schon jetzt nicht mehr unterscheiden, ob ein Text softwaregeneriert oder von Menschen geschrieben wurde. Algorithmen in Suchmaschinen und sozialen Medien beeinflussen uns darin, was wir zu lesen bekommen und was nicht. Wo bleibt unsere Wahl, wenn ein ganzes Informationssystem auf Codes setzt, die wir nicht durchblicken können? Es wird eine Rolle spielen, ob Medien von Beginn an die Datenquellen ihrer Bots benennen. Denn Algorithmen lassen sich so schreiben, dass sie das Negative herausfiltern, womit sie beispielsweise Aktienkurse manipulieren könnten. Auch zeigte die letzte Präsidentschaftswahl in den USA, wie Bots in sozialen Medien Einfluss nehmen. Daher wird auch künftig die sorgfältige Ausbildung unserer Journalisten zu Gatekeepern, die Entscheidungen über Inhalte treffen, Datenquellen bestimmen und Inhalte gewichten, die Qualität unserer Medienlandschaft mitbestimmen.

„Lebendiger Journalismus ist die Kombination von Wissen, Inspiration und Begegnung.“  Sven Afhüppe, Chefredakteur Handelsblatt

Und abschließend: Wenn wir immer mehr glatte, uniforme Texte serviert bekommen, könnte eigenständiges, kritisches und unkonventionelles Denken eine neue Wertigkeit erleben? Kommen wir zu einer Art Slow-Journalismus als parallel auftretenden Gegentrend? Schließlich ist Schreiben nicht nur ein Handwerk, sondern auch eine Kunst – mit lebendigen Bildern, kohärenter Storyline und wunderbaren Überraschungsmomenten.