Nachbarschaft 2.0 – Trend: Get Together Community

26. Juni 2017
Linda Benkner

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Kiezfreundschaften und digitales Heldentum…

Zusammenkommen in der Stadt, wie geht das denn? Von ganz allein, möchte man meinen. In unseren immer dichter gedrängten Stadtzentren sind sich die Menschen schon rein physisch näher. Trotzdem ist die Anonymität groß: Laut einer Studie der TU Darmstadt kennt jeder zweite Deutsche nicht einmal den Bewohner von nebenan. Wer das ändern möchte, hat auf digitalen Plattformen tolle Möglichkeiten zum Vernetzen. Mithilfe von Portalen wie nebenan.de und ueberdentellerrand.org (Begegnungskochen für Menschen mit und ohne Fluchterfahrung) können wir die Digitalisierung dazu nutzen, innerhalb unseres Kiezes auch offline in Kontakt zu kommen. Ob und in welchem Umfang wir solche Netzwerke nutzen, entscheiden wir natürlich selbst.

Kaum Einfluss haben wir dagegen auf demografische Strukturen. Ab 2060 wird nach Berechnung des Statistischen Bundesamts etwa jeder dritte Deutsche 65 Jahre oder älter sein. Die Generation Silver Ager (ab 50+) wird nicht nur optisch das Stadtbild prägen, sondern auch unsere Wohnkultur. Es gibt bereits Stadtprojekte wie Mehrgenerationenhäuser mit Gemeinschaftsräumen für die Begegnung von Alt und Jung und auch die Senioren-WG bringt Silver Ager und Golden Oldies zusammen. Der Trend geht außerdem hin zu privat organisiertem „Wohnen für Mithilfe“. Das heißt, gerade alleinstehende ältere Menschen in Häusern oder Wohnungen, die einst für Großfamilien erbaut wurden, vermieten Wohnraum an Studenten, die dann anstelle einer Mietzahlung monatlich eine Stunde Hilfsarbeiten pro Quadratmeter Wohnfläche verrichten. Den einen geht es dabei mehr um den finanziellen, den anderen stärker um den sozialen Aspekt geteilten Wohnraums.

35 % der Deutschen wünschen sich einen engeren Kontakt zu ihren Nachbarn. (YouGov, 2015)

Mittels Begegnungsräumen in unseren Wohnanlagen werden die Grenzen zwischen öffentlich und privat neu definiert. Unser Zuhause wird dank Onlineplattformen zur Bühne für Wohnzimmerkonzerte und zum Home-Restaurant für Fremde und Freunde. Gleichzeitig finden wir im Internet fantastische Möglichkeiten, wie wir unsere Hobbys inmitten der Stadt-Community ausleben können – ob im Näh- oder Strickcafé, beim gemeinsamen Malen oder beim Tasting-Event in der Gin-Bar. So vielfältig, so spannend, so reizüberflutend entwickelt sich Gemeinschaft im digitalen Zeitalter.

Und so könnte die Vision einer vernetzten Nachbarschaft 2025 aussehen:

Max M. steht kurz vor seinem Umzug in eine neue Stadt. Schon vor dem Einzug wird er Teil der virtuellen Nachbarschaftscommunity seines künftigen Viertels und erfährt so von einem Hoffest. Dort lernt er einige seiner zukünftigen Nachbarn kennen. Sie packen nicht nur beim Möbeltragen mit an, sondern helfen ihm auch, in der Gemeinschaftswerkstatt ein abgebrochenes Tischbein zu reparieren. Da Max eine Schraubzwinge fehlt, fragt er über seine Nachbarschafts-App, ob ihm jemand das benötigte Werkzeug leiht. Nach wenigen Minuten erscheint ein Nachbar mit der Zwinge und hilft gleich bei der Reparatur mit. Einige Wochen später möchte Max die Stromanschlüsse in seiner Wohnung neu verlegen. Im Tauschforum seiner Community hat er den Eintrag von Hannes gelesen, der seine Dienste als Elektriker anbietet. Durch seine Hilfseinsätze sammelt der Nachbar Punkte, die er anschließend für andere Dienste einlösen kann. Während Hannes also die Elektrik verlegt, meldet sich Max beim gemeinschaftlichen Urban-Gardening-Projekt auf dem Hausdach an. Das Projekt ist gemeinnützig, das geerntete Gemüse wird dem kommunalen Verteilerzentrum angeboten, das damit Bedürftige versorgt. Diese informieren sich in Echtzeit über die aktuellen Bestände und sehen so, ob es etwas gibt, was sie brauchen. Abends geht Max mit Hannes zu einem Konzert im Kulturverein, der ein Café im Erdgeschoss der Wohnanlage betreibt.

Gut aufgehoben in der Community: 81 % der Deutschen würden Unterstützung anbieten, wenn ein Nachbar Hilfe braucht. (TAG Immobilien AG/TU Darmstadt, 2014)

Kooperatives Miteinander, Bereitschaft zum Teilen und multifunktionale Nutzungskonzepte, verknüpft durch die Möglichkeiten moderner Technologien – das könnte die Zukunft der vernetzten Nachbarschaft sein. Der schnelle Post auf der digitalen Pinnwand kostet weniger Überwindung als das Klingeln an Nachbars Wohnungstür und wird so zur Initialzündung für den nachbarschaftlichen Austausch. Dabei hat jeder die Wahl, wie viel der virtuellen Welt er mit der realen verknüpfen möchte und wo er die Grenzen setzt.