Mein Kollege die Maschine – Trend: Brave New Working World

20. September 2017
Linda Benkner

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Arbeiten im virtuellen Möglichkeitsraum…

Die Frau am Check-in-Schalter des Flughafens wie auch die Kassiererin im Supermarkt könnten bereits heute vollständig von Automaten ersetzt werden. Und doch begegnen wir noch vielen Servicemitarbeitern während unseres Einkaufs und auf dem Weg zum Flieger. Eine Möglichkeit und deren Umsetzung in der Wirklichkeit sind eben zweierlei. Mit Prognosen und ihrem tatsächlichen Eintritt verhält es sich ebenso. Und doch geben manche Zahlen zu denken: Zum Beispiel, wenn Studien zufolge jeder zweite Arbeitsplatz in seiner heutigen Form gefährdet ist.

Ein Drittel der Deutschen erlebt aufgrund von technologischen Veränderungen eine größere Entscheidungsfreiheit, mehr als die Hälfte nimmt eine Steigerung der eigenen Produktivität wahr. (Quelle: „Digitalisierung am Arbeitsplatz“, BMAS, 2016)

Wer sich jetzt am Kopf kratzt und sich fragt, wie ersetzbar seine Jobposition ist, der kann eine Exkursion ins Online-Portal Job-Futuromat unternehmen. Hier haben die ARD, das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sowie die Bundesagentur für Arbeit alle 4.000 deutschen Berufe darauf geprüft, ob die Tätigkeiten schon heute von Maschinen erledigt werden könnten. 317 der verzeichneten Jobs wären demnach bereits jetzt zu 100 Prozent automatisierungsfähig. Andererseits gelten aber auch 895 Berufe als kaum (0 bis 10 Prozent) ersetzbar. Als alternativlos gelten derzeit manuelle Tätigkeiten mit komplexen Aufgaben (wie Gastronom, Polizist und Arzt), sowie Jobs, die eine Mischung aus Kreativität, Wissen und emotionaler Intelligenz voraussetzen, um Neues zu schaffen, wie Entwickler, Juristen und Manager.

Bis 2030 könnten bis zu 47 % aller heute bestehenden Arbeitsplätze in den USA wegfallen, in Deutschland gelten 59 % der Arbeitsplätze (18,3 Millionen) in ihrer jetzigen Form als von der fortschreitenden Technologisierung gefährdet. (Quellen: Frey/Osborne 2013, „Die Roboter kommen“ ING Diba 2015)

Die Entwicklung zur Industrie 4.0 eröffnet auf der anderen Seite aber auch Chancen: Zu den Gewinnern am Arbeitsmarkt zählen beispielsweise Softwareentwickler, digitale Designer, Datenwissenschaftler und Programmierer. Und auch ganz neue Berufsbilder könnten entstehen: Vom Übersetzer Mensch-Maschine/ Maschine-Mensch über den Ethik-Experten für das Programmieren von Algorithmen bis hin zum Innenausstatter für virtuelle Räume. Maschinen führen nicht unbedingt zu einem Verlust, sondern möglicherweise zu einer Aufwertung des Arbeitsplatzes. Wir geben ungeliebte, monotone Wiederholungstätigkeiten ab, damit wir uns auf das Komplexe, Kreative und Anspruchsvolle konzentrieren können.

Auch die Art, wie wir arbeiten, ändert sich. Kinder der Neunziger, die sogenannte Generation Z, strömen auf den Arbeitsmarkt. Auf ihrem Multiple-Choice-Karriereweg steuern sie im Zickzackkurs auf ihren Traumjob zu – oder eben doch auf eine andere Profession. Sie fordern das Führungskonzept des Liquid Leaderships ein: Ergebnisoffenheit und Empathie der Chefs, Integration aller Teammitglieder, Diversität und Austausch. Und schließlich der Fokus auf die Persönlichkeit statt dem Rang in der Hierarchie – das entspricht ihrer Vorstellung von Berufsalltag. Den leistungsorientierten Berufseinsteigern ist es wichtiger, eine sinnerfüllende und interessante Tätigkeit auszuführen, als das maximale Gehalt anzustreben. Von ihren Vorgesetzten fordert die Generation Z Förderung, persönliche Bindung und Adaption des komplexen Denkens einer mobilen digitalen Generation. Wenn sie selbst in der Führungsriege angekommen sind, dann streben sie Top-Sharing an. Sie teilen sich eine leitende Position mit einem Kollegen, ohne in Vollzeit arbeiten zu müssen – gesellschaftliches Umdenken macht es möglich. Weniger Arbeitszeit bedeutet aber nicht unbedingt mehr Freizeit. Außerhalb des Büros ist die Generation Z digital unterwegs und steigert so ihre Fachkompetenzen. Arbeit und Privatleben gehören für sie fest zusammen – oder wie man Work-Life-Blending auch zusammenfassen könnte: Der Sinn von Erholung liegt darin, sich für die Herausforderungen im Beruf zu stärken und sich andere Joboptionen aufzubauen. Es ist unsere Entscheidung, ob wir die Veränderungen, die auf uns zukommen, annehmen und mitgestalten. Uns vielleicht sogar als Nichepreneure einen abgewandelten Tätigkeitsbereich erobern.