Trend #BrainComputerInterface: Die Macht der Gedanken

6. Juni 2019
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Flugzeuge, Tablets, Drohnen und Computerspiele mit den Gedanken steuern, Sprachlose zum Sprechen und Gelähmte zum Laufen bringen. Was klingt, wie die Fähigkeiten des neuesten X-Men Mutanten, könnte bald Realität werden. Denn mit Brain Computer Interfaces (BCIs) kann der Mensch Maschinen steuern – ohne auch nur einen Finger zu krümmen.

Als Interface werden sämtliche Schnittstellen bezeichnet, durch die zwei verschiedene Systeme miteinander kommunizieren können. So sind beispielsweise die Computermaus oder die Tastatur typische Schnittstellen zwischen Mensch und Computer – aber genauso sind auch Augen, Sprache und Mimik Interfaces, durch die Menschen in Kontakt mit der Außenwelt treten. Es gibt Interfaces also schon immer. Aber was macht BCI dann überhaupt so besonders? 

Grundlegend senden die Nervenzellen des Gehirns, die sogenannten Neuronen, bei jeder Aktivität elektrische Signale. Denken wir über etwas nach, ist das also elektrisch messbar. Was und wer wir sind ist demnach das Ergebnis der Zusammensetzung unserer Neuronen. Genau an dieser Stelle setzen BCIs an, denn sie können durch eine Elektrodenkappe auf diese Gehirnströme reagieren. Der Mensch muss also nicht mehr die abertausenden komplexen Gedanken seines Gehirns in einen Klick auf der Maus zentrieren, um dem Computer zu sagen, was er zu tun hat, sondern diese können – ohne Übersetzung – direkt weitergegeben und umgesetzt werden. Durchschnittlich 60.000 Gedanken haben wir allein an einem Tag – wir können uns also vorstellen, wie die Finger brennen würden, wenn wir jeden dieser Gedanken per Tastatur dem Computer mitteilen müssten. 

Aktuelle Forschung 

Da es die einzige Form der Kommunikation ist, für die keine Muskelkraft aufgewendet werden muss, wurden BCIs bisher größtenteils in der medizinischen Forschung untersucht. So hat ein kalifornisches Forscherteam bereits Beinprothesen entwickelt, die durch reine Vorstellungskraft geistig gesteuert werden können.

Dadurch können nun auch Menschen mit körperlicher Behinderung in Wettkämpfen gegeneinander antreten: Bei „Cybathlons“ können sie virtuelle Rennen per Gedankensteuerung fahren oder Geschicklichkeits- und Hindernisparcours mit Prothesen bewältigen. Dabei wird die Konzentration der Schlüssel zum Erfolg: Derjenige, der sich am besten konzentriert, gewinnt.

Dieses Potential haben auch die Luftfahrt und die Computerspielindustrie erkannt. Das europäische Forschungsprojekt „Brainflight“ bringt Drohnen per Gedankenkraft zum Fliegen und die Computerspielindustrie hat bereits Spiele entworfen, die für ein außergewöhnliches Spielerlebnis auf die Gefühle der Nutzer reagieren: Äußert sich Langeweile, kann das Schwierigkeitslevel angehoben werden; wird der Spieler frustriert, kann ihm das System einen Tipp geben, wie er weiterkommt.

BCI in der Arbeitswelt 

Nie mehr Frust, Langeweile oder Stress? Das klingt doch nach einem optimalen Arbeitstag, dachte sich Jai Menon, Leiter von Dells Forschungs- und Entwicklungsabteilung. In seiner Vorstellung wird dem Mitarbeiter bei Müdigkeit eine Pause vorgeschlagen, ist der Arbeiter konzentriert, werden seine Anrufe automatisch weitergeleitet. Aber: Wenn Gefühle gemessen werden können, wird dann nicht auch erfasst, dass wir unkonzentriert sind, weil wir am Abend zuvor doch ein wenig zu tief ins Glas geschaut haben? Der Stress mit dem Partner? Wollen wir, dass unser Arbeitgeber das weiß?

Da die Systeme nicht zwischen Gefühlen unterscheiden, können diese tatsächlich auch zur Beobachtung und Überwachung eingesetzt werden. Große Firmen, wie Google oder Facebook, könnten die Hirndaten außerdem dafür verwenden, den Nutzern perfekt zugeschnittene Produktwerbung zuzuspielen. Brauchen wir also demnächst einen Adblocker für unser Gehirn? Und können die Maschinen auch einen Einfluss auf uns haben?

Die Steuerung eines Menschen durch die Gedankenkraft eines anderen wurde tatsächlich schon untersucht: Und siehe da – es hat funktioniert! Der Informatiker Rajesh Rao konnte durch seine Gedankenkraft seinen Kollegen Andrea Stocco dazu bringen, ein Computerspiel zu bedienen.

Die Verschmelzung von Mensch und Maschine 

Klingt gruselig? Das sieht Elon Musk anders. Für ihn führt BCI zu ewiger Jugend und Unsterblichkeit. Mit „Neuralink“ will er Menschen dazu verhelfen übermenschliche Kognitionsfähigkeiten zu erlangen, um mit künstlicher Intelligenz mitzuhalten und im besten Fall sogar mit ihr zu verschmelzen. Dazu möchte er eine dritte Schicht in das menschliche Gehirn implementieren, die aus einer künstlichen Intelligenz besteht. Unser Wissen und Erinnerungsvermögen wird dadurch unbegrenzt, unser Gehirn umstrukturiert und konditioniert: Wollen wir glücklich sein, werden wir unserem Gehirn befehlen glücklich zu sein. Altert das biologische Ich, wird einfach ein neues geladen – und wem das noch nicht abgespaced genug ist, kann sich auch Ray Kurzweils Visionen anschauen.

Ein Fazit zur menschlichen Identität 

Mit künstlicher Intelligenz verschmelzen? Was macht die menschliche Identität dann überhaupt noch aus? Wir sollten, bevor wir Maschinen die Macht über unsere Gedanken geben, darüber nachdenken, welchen Preis wir dafür bezahlen. Dafür müssen wir uns selbst und unseren Werten bewusst werden: Empathie, Liebe, Verständnis, Schuld, Gewissen… all die Werte, die uns ein Leben miteinander ermöglichen, ergeben auf einer einfachen Kosten-Nutzen-Rechnung einer Maschine keinerlei Sinn. 

Und nein, Moral und Ethik können nicht programmiert werden. Wird die künstliche Intelligenz somit aus Egoismus unsere Werte nach und nach löschen? Ist das also wirklich der Preis, den wir zahlen wollen, nur um die Waschmaschine vom Sofa aus zu steuern oder den nächsten Blogpost schreiben zu können, ohne unsere Finger bewegen zu müssen? 

Die Vergangenheit zeigt allerdings, dass schon oft ethische Fragen zur Digitalisierung gestellt wurden – Handys die mithören, Alexa, die alle Gewohnheiten kennt, Datenangaben im Internet – alles keine neuen Diskussionen. Aus Bequemlichkeit wirft der Mensch also schnell mal Datenschutz und Privatsphäre über Bord – aber werden wir das auch mit unserer Identität tun? 

Text: Laura Fischbach