27 Nov. Zwischen Realität und Romanze: Warum New Adult mehr ist als „Softpornos in Pastell“
New Adult erobert den Buchmarkt – und steht doch stark in der Kritik. Zu Unrecht, meint unsere Autorin Laura. Sie hat mit drei Schriftstellerinnen des Genres über Hype und Vorurteile gesprochen.

Toni Winter veröffentlichte 2025 ihren Debütroman „Keep on living“ im New-Adult-Genre.
238.000 Menschen besuchten in diesem Jahr die Frankfurter Buchmesse. Besonders auffällig war die Halle 1.2 – sie stand ganz im Zeichen des Genres New Adult. Vor den Ständen, etwa dem des LYX-Verlags, bildeten sich lange Schlangen. Junge Lesende, vor allem Frauen, warteten stundenlang, um ihre Lieblingsschriftsteller:innen zu treffen und Autogramme zu ergattern.
Das Genre, das die Inspiration zu unserem diesjährigen Trend „Next Chapter“ war, boomt: Die Bastei-Lübbe-Gruppe konnte ihren Umsatz im ersten Halbjahr des Geschäftsjahres 2024/2025 um mehr als zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr steigern. Einen maßgeblichen Anteil daran hat, wie schon in den vergangenen Jahren, das hauseigene New-Adult-Label LYX. Die Zahlen beweisen: New Adult ist längst kein kurzlebiger TikTok-Trend mehr, sondern ein wirtschaftlich bedeutendes Genre mit wachsender Fangemeinde.
„Dieses Genre verdient seinen Platz auf dem Buchmarkt – es hat ihn sich hart erkämpft“, sagt Autorin Toni Winter, die New Adult seit den Anfängen als Lektorin, Leserin und inzwischen auch als Autorin begleitet. Für sie ist die Entwicklung vom belächelten Nischenphänomen hin zu einem der umsatzstärksten Genres „bemerkenswert“ – auch, weil sie zeigt, wie groß der Wunsch nach authentischen Geschichten junger Menschen ist.
New Adult: Zwischen Realität und Romanze
Trotz seines Erfolgs sieht sich das Genre immer wieder Kritik und Abwertung ausgesetzt. Doch New Adult ist weit mehr als „Softpornos in Pastell“, wie es gern abgetan wird. Die Geschichten begleiten junge Menschen beim Erwachsenwerden. Sie thematisieren psychische Herausforderungen, Trauer, Liebe und Selbstfindung.

Antonia Wesseling, Verfasserin der bekannten „Light in the Dark“-Reihe, bloggt neben ihrer Tätigkeit als Autorin auf Instagram und YouTube (@antoniawesseling) über gute Bücher, ihre Liebe zum Schreiben und mentale Gesundheit.
Autorin Antonia Wesseling beschreibt die Faszination so: „Es geht nicht um perfekte Menschen, sondern um Unsicherheiten, Neuanfänge und Selbstfindung – Dinge, die uns alle irgendwann beschäftigen.“ Sie sieht in New Adult Literatur, die Emotionen ehrlich zeigt und das Lebensgefühl einer Generation einfängt, die sich „zwischen Teenagerzeit und richtigem Erwachsensein“ bewegt.
Für viele Lesende spiegeln die Geschichten ihre eigenen Erfahrungen wider und sind zugleich ein Zufluchtsort. In einer Welt, die von Zukunftsängsten und gesellschaftlichem Druck geprägt ist, bieten sie Raum zum Durchatmen und Träumen. Lena Kiefer, eine der bekanntesten Stimmen des Genres, beobachtet: „Mit den Büchern bekamen viele junge Menschen plötzlich das Gefühl, wahrgenommen und gesehen zu werden. Vorher gab es Jugendbücher und solche für Erwachsene, aber nichts dazwischen.“
Warum die Kritik eigentlich woanders liegt
Junge Frauen finden sich, ihre Emotionen, Wünsche und auch Probleme in den Geschichten der New- Adult-Literatur wieder. Autor:innen geben diesen Gefühlen eine Bühne, für die häufig in anderen Genres nicht viel Platz ist. Doch genau diese emotionale Offenheit scheint manchen ein Dorn im Auge zu sein. Die lautesten Gegenstimmen kommen oft aus der klassischen Literaturkritik und klingen nicht selten herablassend. Literaturkritiker wie Denis Scheck sprechen von „strunzdummen, militaristischen Drachenpornos“ und stellen damit nicht nur die literarische Qualität, sondern auch die Lesenden selbst infrage.
New Adult ist im Kern ein Genre von Frauen für Frauen. Die meisten Bücher stammen von Autorinnen, die weibliche Perspektiven ins Zentrum rücken. Doch das Verständnis hierfür scheint manchen Kritiker:innen zu fehlen. „Nur weil Gefühle im Mittelpunkt stehen, heißt das nicht, dass eine Geschichte banal ist. Im Gegenteil: Emotionen glaubwürdig zu beschreiben, ist mit das Schwerste überhaupt“, sagt Antonia Wesseling dazu.

Lena Kiefer hat bereits mehrere Reihen in den Bereichen New Adult und Fantasy veröffentlicht. Ihr neustes Werk ist „Royal Heist“, erschienen im LYX Verlag.
Lena Kiefer bringt es wie folgt auf den Punkt: „Dinge, die Frauen und vor allem junge Frauen mögen, per se abzuwerten, ist leider nichts Neues. Sicherlich sind nicht alle New-Adult-Bücher große Kunst. Aber zu behaupten, etwas wäre minderwertig, nur weil sich die Geschichten um Liebe drehen, ist elitäres Gehabe von Menschen, die nicht über den Tellerrand hinaus sehen wollen.“
Toni Winter zeigt ebenfalls wenig Verständnis für die anhaltende Diskussion: „Der Gegenwind, den dieses Genre bekommt, ist bemerkenswert. Und ganz grundsätzlich verstehe ich den Sinn dahinter nicht: Sollten nicht alle einfach das lesen dürfen, was sie möchten – völlig genreunabhängig und wertfrei? Was mich an der Diskussion am meisten nervt, ist dieses unreflektierte Schubladendenken. Gerade New Adult ist vielschichtig und vielfältig. Wenn Kritiker:innen sich die Mühe machen würden, genauer hinzuschauen und innerhalb des Genres zu differenzieren, käme diese ermüdende Diskussion vielleicht endlich zu einem Ende.“
Unterstützung bekommen die Autorinnen von der zukünftigen Chefredakteurin der Frankfurter Rundschau. Sabrina Hoffmann ist Fan von New Adult und findet die Kritik am Gerne problematisch: „Das Genre als Porno abzuwerten, ist sexistisch. Eine Kritik von Männern an Literatur von Frauen für Frauen.“
Ein Genre, das bleibt
New Adult ist kein Hype. Es ist eine Bewegung, die zeigt, dass Literatur dann relevant wird, wenn sie Menschen berührt. Dafür muss sie nicht immer intellektuell oder anspruchsvoll sein. Gerade junge Frauen fühlen sich in diesen Geschichten so gesehen und verstanden wie in wenigen anderen. Und die Verkaufszahlen sprechen für sich.
Toni Winter sieht New Adult an einem Wendepunkt: „Momentan herrscht auf dem Markt ein „zu viel“, ein „zu schnell“. Ich würde mir wünschen, dass man kollektiv einmal innehält und sich bewusst macht, für welche Werte das Genre zu Beginn stand – und für welche es in Zukunft stehen möchte. Denn genau diese Werte sind es, die New Adult so erfolgreich gemacht haben. Ich glaube fest an dieses Genre.”
Auch Antonia Wesseling blickt optimistisch in die Zukunft – sie wünscht sich, dass das Genre noch mutiger wird: „Mit unperfekteren Figuren, ungewöhnlichen Erzählformen, echten Ecken und Kanten.“ Gerade diese Authentizität sei es, die New Adult unverwechselbar mache.
Lena Kiefer sieht die Zukunft des Genres vor allem in Qualität und Originalität: „Entscheidend wird sein, weniger Masse und mehr einzigartige Geschichten zu bieten – Ideen, die Leserinnen überraschen und ihnen etwas geben, das sie so noch nicht erlebt haben.“ Sie glaubt, dass das Genre reifer wird und sich weiterentwickelt, wenn Autor:innen und Verlage den Mut haben, neue Wege zu gehen.
New Adult ist also gekommen, um zu bleiben. Vielleicht ist genau das das größte Ärgernis für manche Kritiker:innen: Dass junge Frauen sich nicht vorschreiben lassen, was als „gute Literatur“ gilt. Und vielleicht ist es auch nur eine Frage der Zeit, bis die kritischen Stimmen leiser werden und schließlich abklingen.
Über die Autorin Laura Klingelhöfer:

Laura studierte Onlinekommunikation an der Hochschule Darmstadt. Schon während des Studiums zog es sie in die PR-Welt, wo sie ihre Leidenschaft für Kommunikation und spannende Geschichten entdeckte. Als PR-Consultant bei Adel & Link berät sie Kund:innen vor allem in den Bereichen Corporate & Finance, aber auch in Tech und Consumer.
Header: Adel & Link HIVE Studios
Fotos: Antonia Wesseling (© Antonia Wesseling), Laura Klingelhöfer (© Marvin Fuchs), Lena Kiefer (© Fotogräfin Lisa), Toni Winter (© Foto: Nicole Dehmann)