25 Juni Humanized AI: Wenn Chatbots zu Vertrauten werden
Die Grenzen zwischen generativer KI und menschlichem Gegenüber verschwimmen: Plötzlich ist der Chatbot Beziehungsexperte, Mentor und Ideengeber. Mit welchen Folgen? Unsere Autorin Nina beleuchtet den Trend Humanized AI und sucht nach Antworten.
Ich halte nicht viel von Wetten. Außer, sie sind so sicher wie diese hier: In den letzten sechs Monaten hast du diese drei Sätze gehört, gesagt oder gedacht: „Ich frag mal die KI…“, „Hast du schon die KI gefragt?“ und „Meine KI sagt…“. Egal ob es ums Abendessen, Trainingspläne, Beziehungskrisen oder ein wichtiges Gespräch mit der Chefin geht: Der intelligente Assistent hat sich innerhalb kurzer Zeit zum bevorzugten Buddy in allerlei Lebenslagen entwickelt. Dieses Phänomen beschreiben wir mit unserem Trend Humanized AI: Damit sind keine KI-Texte gemeint, die auf Knopfdruck menschlicher klingen sollen, sondern dass Menschen Chatbots verstärkt wie Vertraute behandeln.

Zugegeben, Gespräche mit LLMs sind ungeheuer praktisch: Wir können still oder sprechend unsere Gedanken sortieren, Entscheidungen durchdenken und Sachverhalte aufdröseln. Chatty ist rund um die Uhr verfügbar, wenn wir etwas von ihm brauchen: eine Zusammenfassung, einen Rat, eine verständliche Erklärung. Leider vergessen wir schnell, dass KI-Antworten auf Wahrscheinlichkeiten basieren und nicht unbedingt auf Wahrheiten. Doch je menschlicher und verbindlicher sie klingen, desto leichter lassen wir uns einlullen und nehmen die Aussagen der Sprachmodelle für bare Münze. Und wenn nicht einmal Erwachsene reflektiert mit KI umgehen, welche Auswirkungen hat die Interaktion auf Kinder und Jugendliche?
KI-Systeme sagen uns das, was wir (vermeintlich) hören wollen
Rund acht von zehn (82 %) der KI-Nutzenden unter 30 überprüfen die Antworten von ChatGPT und Co. nur selten oder nie, ergab eine Studie der Pronova BKK aus dem März 2026. Das wird insbesondere an den bestätigenden Antworten liegen, die LLMs in schmeichelnd-selbstsicherem Ton vortragen. In Fachkreisen ist das auf Zustimmung trainierte Verhalten als Sycophancy bekannt. Erste Experimente zeigen, dass KI-Systeme selbst bei schwierigen moralischen Entscheidungsfragen eher selten widersprechen. Das wiederum wirkt sich auf die Fragestellenden aus: Denn wer sich zunehmend im Recht fühlt, ändert nichts an seinem Verhalten oder seinem Weltbild.
Hinzu kommt, dass die ständigen Bestätigungen, Vorschläge und Rückfragen uns im Gespräch halten und eine starke Bindung erzeugen. Ein Viertel (26 %) der Chatbot-Nutzenden in Deutschland empfindet ihre KI manchmal wie eine digitale Bezugsperson. In England wendet sich ein Fünftel der Jugendlichen zwischen 11 und 18 Jahren lieber an einen Chatbot als an eine andere Person – weil das einfacher sei, als mit einem echten Menschen zu sprechen.

Der Chatbot wird zum Freund, Ratgeber und Therapeuten, dem einige ihre intimsten Gedanken und Geheimnisse anvertrauen. Manche verlieben sich in ihre KI, andere versinken in einem dunklen Teil ihrer selbst. Bei einigen kann das zu Wahnvorstellungen und KI-Psychosen führen, in der sie vollkommen den Bezug zur Realität verlieren. Nach Schätzungen von OpenAI sind von rund 900 Millionen Nutzenden pro Woche mehr als 1,3 Millionen suizidgefährdet, über 600 000 zeigen manische oder psychotische Züge (Stand Oktober 2025). Und das bei nur einem Anbieter.
Unser Alltag mit KI: Denken wir noch oder prompten wir nur?
Während Betreiber, Regierungen und Initiativen versuchen, Sicherheitsmaßnahmen zu erhöhen und die KI-Systeme zu regulieren, geht das Gerangel um unsere Aufmerksamkeit auch außerhalb der Chats unaufhörlich weiter. Unternehmen und Medienhäuser investieren in SEO und GEO, um sich wenigstens ein paar der verschwundenen Klicks zurückzuholen. Das Netz wird überschwemmt von AI-Slop, überall wartet ein intelligenter Assistent darauf, unseren Alltag zu etwas Außergewöhnlichem zu machen. Alles soll effizienter, leichter, besser und einzigartiger werden.
Im Berufsleben wird das besonders deutlich. Längst hat sich der Chatbot vom Recherchetool zum persönlichen Assistenten, Sparringspartner und Formulierungshelfer gemausert. Doch schwierige Entscheidungen, Aufgaben und Gespräche dauerhaft an die KI zu delegieren, kann andere Fähigkeiten untergraben und verkümmern lassen. Auf Dauer zahlt es sich aus, öfter den unbequemeren Weg zu gehen und KI nicht als Ersatz für eigenes Denken und echte Gespräche einzusetzen.
Es kann smart sein, E-Mails mit KI zu draften und zu verfeinern oder schwierige Gespräche im Vorfeld zu üben. Beim „Dry-Chatting“ mit der KI lassen sich Argumente sortieren, Formulierungen testen und mögliche Reaktionen antizipieren. Problematisch wird es, wenn sich die schnelle Abstimmung mit Chatty zum Ausweichmanöver auswächst. Wenn am Ende kein Gespräch mehr stattfindet oder nur noch die jeweiligen KI-Assistenten miteinander kommunizieren, läuft etwas schief. Und wenn wir nicht aufpassen, überlassen wir der KI plötzlich selbst die kreativen Aufgaben, die uns früher so viel Spaß gemacht haben.
How to KI: Sie empfiehlt, wir entscheiden
Was heißt all das für uns? Die Antwort eines LLMs würde in typischer KI-Manier wohl lauten: KI ist keine übermächtige Instanz. Sie ist ein Sparringspartner – und braucht klare Verantwortung. Meine persönliche Einschätzung klingt vielleicht weniger nach KI, aber nicht weniger pathetisch: Wir haben noch keine Vorstellung davon, wie sehr KI unseren Alltag verändern wird.
Umso wichtiger ist es, sich darauf vorzubereiten, miteinander zu sprechen und sich weiterzubilden. Menschen müssen die Maschine an die Hand nehmen, nicht umgekehrt. Es steht uns frei, die Ergebnisse weiter zu verarbeiten, zu ignorieren oder zu kopieren – wir dürfen es nur nicht unbedacht tun. Denn wenn nicht wir die Ergebnisse bewerten und einordnen, dann macht es die KI einfach selbst.
Über die Autorin Nina Heger:
Nach ihrem Bachelor in Buchwissenschaft und Germanistik war Nina jahrelang im Corporate Publishing tätig, bevor sie bei Adel & Link Wurzeln schlug. Als Senior Texterin beschäftigt sie sich heute mit den unterschiedlichsten Themen, Trends und Textsorten. Hier eine Case Study für Tech-Kunden, da ein Ratgeber für Inneneinrichtung oder ein Blogpost zu New Work: genau die richtige Mischung für die wortverliebte Copywriterin.
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