Life Unplugged: Auferstehung des Analogen

Menschen wollen wieder Dinge anfassen, Gemeinschaft spüren und etwas mit den Händen tun. Klingt das im digitalisierten Alltag nicht herrlich erfrischend? Um die positiven Effekte unseres Trends Life Unplugged voll auszukosten, braucht es vor allem zwei Dinge: smartphonefreie Zeiten und Langeweile.

Buchclubs, Offline-Partys und sogar CDs: Das analoge Leben boomt. Aktuell sind Menschen in Deutschland rund fünf Stunden weniger pro Woche im Internet als im Vorjahr, ergab die Postbank Digitalstudie. Beinahe jede dritte Person unter 40 (31 Prozent) will die private Zeit im Netz weiter reduzieren. Ist das der Gegenentwurf zum digitalisierten Alltag oder einfach eine logische Folge davon?

Ruhiges, nostalgisch wirkendes Foto eines klassischen Nokia-Handys mit Tastenfeld vor hellem Hintergrund.

Was als Tech Fatigue begann, entwickelt sich zur Bewegung. Während sich vor allem immer mehr jüngere Menschen ein Dumbphone anschaffen, probieren sich andere im Niksen, toben sich gemeinsam beim Padel-Tennis aus oder belegen einen Töpferkurs. Smartphonefreie Veranstaltungsreihen wie The Offline Club erfreuen sich großer Beliebtheit.

Die Freude am Analogen ist überall spürbar. Doch Tätigkeiten und Verhaltensweisen, die früher völlig normal waren, müssen wir uns heute erst (wieder) aneignen. Ganz oben auf der Liste: Stunden ohne Smartphone verbringen, Langeweile zulassen und mehr Echtes erleben.

 

Life Unplugged – ein Hoch auf die Langeweile

Was die einen entspannend, anregend und erfüllend empfinden, können andere als extrem öde betrachten. Auch wenn sich die Auslöser von Langeweile unterscheiden, bleibt ein Effekt der gleiche: Die Zeit dehnt sich nahezu unerträglich aus.

Wenn wir uns unterfordert fühlen und keiner vermeintlich sinnhaften Beschäftigung nachgehen, sind wir um jede Ablenkung froh. Das kann so weit führen, dass Menschen auf der Suche nach Stimulation lieber Drogen nehmen oder sich selbst Stromschläge verpassen, statt sich mit ihrer eigenen Gedankenwelt auseinanderzusetzen. „Jeder Kick wird dann zu einem sinn-vollen Erleben, selbst wenn das Verhalten zerstörerische Züge annimmt“, sagt der Neurowissenschaftler Prof. Dr. med. Volker Busch in seinem Podcast Gehirn gehört. Der Facharzt für Neurologie sowie für Psychiatrie und Psychotherapie ist als Speaker und Autor bekannt.

„Wenn wir von der Außenwelt weniger stimuliert werden, beginnt unsere Innenwelt, umso lebhafter zu werden“, erklärt der Experte im Podcast. Wenn Menschen dabei dazu neigen, über die Vergangenheit zu grübeln oder sich um die Zukunft zu sorgen, wollen sie die negative Gedankenspirale oft schnellstmöglich unterbinden. Dadurch nehmen sie sich aber auch die Chance, Gefühle und Gedanken zu sortieren, Ideen zu entwickeln und Lösungen für persönliche Herausforderungen zu finden.

„Durch ständiges Wegdrücken oder mediales Ablenken entwickelt sich keine emotionale Reife, sondern nur eine Abhängigkeit von einer Welt, die einen ständig bespaßt“, betont Volker Busch. „Wer sich seinen Emotionen stellt und lernt, solche negativen Spannungszustände psychisch zu bewältigen, statt sie im frühen Keim durch irgendeinen Quatsch zu ersticken, der trainiert seine Selbstkontrolle.“ Weitere kluge Gedanken des Neurowissenschaftlers zum Thema Langeweile gibt es in der Folge 35 seines Podcasts zu hören.

 

Das Experiment: Warten wieder aushalten lernen

Auf irgendetwas zu warten, war schon immer nervig, zeitraubend und langweilig. In der Arztpraxis, in der Bahn oder auf öffentlichen Plätzen hat sich das nicht geändert – nur starren wir jetzt gleichzeitig aufs Smartphone. In meinen eigenen wachen Momenten frage ich mich manchmal, in welche Parallelwelt wir da hineingeraten sind.

Stimmungsvolles Foto einer dicht gedrängten Gruppe in einheitlichen weißen Oberteilen, die schweigend auf ihre Smartphones blickt.

Wir nutzen das Smartphone zu jeder Gelegenheit, Doomscrolling aus purer Gewohnheit. Das Smartphone ist ein immer verfügbares und verführerisches Tor in eine andere Welt, weil uns die reale nicht gefällt, überfordert, unterfordert oder langweilt. Aber alle diese Empfindungen mit ein paar Klicks wegzudrücken, kann auf Dauer nicht gesund sein.

Ich versuche seit Längerem, gegenzusteuern. Für mich selbst, aber auch für mein Kind, das noch kein Smartphone hat und von dem ich keinen gesunden Umgang erwarten kann, wenn ich etwas anderes vorlebe. Ich wollte Wartezeiten wieder aushalten lernen und nicht jede Zwischenzeit mit einem automatisierten Griff zum Smartphone beginnen. Das gilt genauso für unterwegs wie zu Hause.

Mit diesen Tipps bin ich weniger am Handy:

→ Gute Gründe überlegen: Warum will ich das? Was gewinne ich?

→ Sich den Automatismus bewusst machen: Wann greife ich zum Handy, wonach suche ich und welche Apps steuere ich an?

→ Dem ersten Impuls widerstehen und die Zeit bis zum Öffnen der ersten App hinauszögern.

→ Lieblingsapps auf dem Screen an einen anderen Platz verschieben, in Ordnern verstecken oder löschen.

→ Neue Beschäftigungsmöglichkeiten für zu Hause und unterwegs finden! Am besten etwas, bei dem die Hände etwas zu tun haben.

→ Langeweile anders betrachten: Sie kommt, sie geht und manchmal bringt sie auch etwas Wertvolles mit.

→ Gezielt abwechseln: Nach einer Bildschirmzeit den Blick in die Ferne und ins Grüne richten.

→ Ein Buch dabei haben: Wer liest, verlässt auch die reale Welt – aber meist mit einem deutlich besseren Gefühl. Auch weil man ein Thema oder eine Geschichte über einen längeren Zeitraum verfolgt.

 

Analoger Alltag: Kleine Schritte mit großer Wirkung

Ohne Handy ins Bett gehen, morgens nicht gleich draufschauen und sich nicht sofort von unangenehmen Gefühlen ablenken: Was als Überwindung beginnt, fühlt sich irgendwann wieder vertrauter an. Geübten kann es sogar gelingen, für eine bestimmte Dauer ganz ohne Smartphone auszukommen. So wie rund 100 Kinder und Jugendliche, die für eine dreiteilige SWR-Dokumentation gemeinsam mit Reporter Tobi Krell („Checker Tobi“) für drei Wochen ihre Smartphones wegsperren und dabei herausfinden, wie viel Handy ihnen im Alltag guttut. Zeit-Redakteurin Luisa Jacobs hat sogar drei Monate lang auf ihr Smartphone verzichtet und verständlicherweise zahlreiche Hochs und Tiefs erlebt. Mein eigenes Vorgehen ist weitaus weniger radikal, aber auch das ist okay. Ich will nicht gänzlich ohne Smartphone leben, sondern es vor allem bewusster nutzen.

Meine eigenen kleinen Erfahrungen und die vieler anderer zeigen: Wenn wir uns dem Analogen zuwenden, geschehen wunderbare Dinge. Wir können Gemeinschaft erleben, Verbundenheit spüren und die Beziehung zu uns selbst stärken. Wir lernen, uns sinnvoll zu beschäftigen, statt uns zu betäuben. Selbst wenn die smartphonefreien Phasen manchmal schwerfallen, merken wir vielleicht: Das echte Leben hat uns gefehlt. Und es hat noch einiges mehr zu bieten.

 

Über die Autorin Nina Heger:

Porträt der Autorin Nina HegerNach ihrem Bachelor in Buchwissenschaft und Germanistik war Nina jahrelang im Corporate Publishing tätig, bevor sie bei Adel & Link Wurzeln schlug. Als Senior Texterin beschäftigt sie sich heute mit den unterschiedlichsten Themen, Trends und Textsorten. Hier eine Case Study für Tech-Kunden, da ein Ratgeber für Inneneinrichtung oder ein Blogpost zu New Work: genau die richtige Mischung für die wortverliebte Copywriterin.

 

 

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Fotos: Pexels: cottonbro Studio (Menschen), Masood Aslami (altes Handy); Marvin Fuchs (Porträt Nina Heger)