Brave new me – Wie Veränderung uns stark macht

 

„Spinnen die denn alle?“, dachte ich Anfang 2020, als die Menschen angesichts der Coronapandemie auf einmal begannen, Klopapier und Nudeln zu horten. Die Welt schien verrückt geworden, Regale in Supermärkten und Drogerien standen aufgrund von Hamsterkäufen und Lieferkettenengpässen leer. Wir saßen zu Hause und alles stand still. Nachvollziehbar, dass diese Situation viele in Unsicherheit versetzte und einige versuchten, durch das Stapeln von Klorollen und Nudelpackungen gefühlt die Kontrolle über den Alltag wiederzuerlangen, der aus den Fugen geraten war.

Und das war noch nicht alles, was auf uns einprasselte. Es folgten der Ukrainekrieg und die daraus resultierende Energiekrise. Zudem spüren auch die lange verschont gebliebenen Industrienationen inzwischen verstärkt die Auswirkungen des Klimawandels. Das alles führt uns unweigerlich vor Augen, dass es nicht selbstverständlich ist, satt, zufrieden und sicher zu leben.

Als dann plötzlich noch Infozettel in die Briefkästen der Bürger:innen flatterten, auf denen die Behörden darauf hinwiesen, wie sinnvoll eine Katastrophenvorsorge für den Notfall sei, begannen mehr und mehr Menschen, die Verlässlichkeit einst selbstverständlicher Ressourcen zu hinterfragen.

Getränke, Essen und Medikamente für 14 Tage bevorraten, einen Notfallrucksack bereithalten, Werkzeug, Taschenlampe, Transistorradio und am besten einen Stromgenerator im Keller haben, so lauten auszugsweise die offiziellen Empfehlungen, die beispielsweise auch beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe zu finden sind. Was bisher eher ein Thema unkonventioneller Prepper zu sein schien, rückte stärker in die öffentliche Wahrnehmung.

Lieber ein bisschen als gar nichts

Fakt ist: Eine vernünftige und maßvolle Katastrophenvorsorge ist richtig und wichtig! Es stellt sich aber für viele Menschen neben dem finanziellen Investment auch die Frage nach Aufbewahrungsmöglichkeiten für diese Notfallvorräte. Denn laut Vorratskalkulator müsste ich für meine vierköpfige Familie immerhin 112 Liter Getränke, 14 Kiloramm Obst, 19 Kilogramm Brot, Nudeln und Kartoffeln und 22 Kilogramm Gemüse bevorraten.

Auch wenn ich das nirgends zu Hause unterbekomme, so hat die Auseinandersetzung mit dieser Thematik nicht geschadet. Ich habe mir Gedanken gemacht und schaue jetzt im Kleinen, wie ich selbst aktiv Dinge verändern kann. Drei Kästen Wasser und ein paar Konserven für den Notfall stehen mittlerweile im Keller, genauso ausreichend Kerzen, ein Campingkocher und eine wiederaufladbare LED-Solarleuchte.

Es ist kein schlechtes Gefühl, vorbereitet zu sein, sollte doch mal ein großes Unwetter oder ein längerer Stromausfall kommen. Im Garten stehen zwei Hochbeete mit Gemüse und ein paar kleine Obstbäume – denn warum nicht eigenes Obst und Gemüse anbauen, wenn alles immer teurer wird? Rund ein Drittel der Hobbygärtner:innen hat bereits während der Coronapandemie den Eigenanbau forciert und jede:r Fünfte zieht in Balkonkästen und Pflanzentöpfen Kräuter, das war das Ergebnis einer Umfrage der Hochschule Geisenheim. Der Trend zur Selbstversorgung ist weiterhin ungebrochen, denn er wird aktuell zusätzlich durch Energiekrise und Inflation verstärkt.

Ab in die Wildnis

Der Wunsch nach mehr Autarkie macht einige sogar richtig abenteuerlustig: Eine Studie von Booking.com belegt, dass immer mehr Deutsche ihre Reisen künftig als Gelegenheit nutzen wollen, um Überlebenstechniken zu erlernen – zum Beispiel, um in der Wildnis sauberes Wasser oder Nahrung zu finden. Nicht zuletzt die YouTube-Serie »7 vs. Wild« rückte dieses sogenannte Bush Crafting, das Zurechtkommen in der Natur mit einfachen Mitteln, bei den Zuschauer:innen in den Fokus. Es geht darin um sieben Teilnehmer:innen, die eine Woche allein in der Wildnis Schwedens durchhalten müssen. Jede:r von ihnen darf nur sieben individuelle Gegenstände mitnehmen. Das Reality-Format ging viral und brachte Millionen Klicks.

Diese Entwicklung, sich wieder mehr auf die Natur einzulassen und sich Survival Skills anzueignen, ist nicht verkehrt, denn ein lösungsorientierter Umgang mit Krisen macht uns resilient. Psychologisch ist es so: Wenn wir auf Veränderungen reagieren und durch unser aktives Handeln Selbstwirksamkeit erfahren, fühlen wir uns weniger hilflos. Das und der zielführende Blick nach vorn sind wiederum die Voraussetzung dafür, positiver in die Zukunft schauen zu können.

Gemeinsam gerüstet für die Zukunft

Eine auf die besorgniserregenden Geschehnisse in der Welt verengte Sicht kann uns richtiggehend unglücklich machen. Das ist verständlich. Doch in fast jeder Krise liegt auch eine Chance. Lassen wir nicht zu, dass die übergroß erscheinenden Herausforderungen uns lähmen, denn eine lebenswerte Zukunft wird jetzt gestaltet – wir alle können dazu beitragen! Challenge accepted, sozusagen – es gibt nichts, womit unser mutiges neues Ich nicht umgehen könnte.

Text: Rena Schäfges
Header: Adel & Link HIVE Studios
Bilder: Unsplash / ahmed-zayan; caspian-dahlstrom; cosmoh-love