Relationship Reset – Wie wir heute lieben wollen

Ist die Ehe ein Auslaufmodell? Welche Beziehungskonzepte leben und gestalten die Menschen heute und müssen wir uns eigentlich entscheiden? Autorin Melissa Walker über die Suche nach der Liebe.

Die eigene Hochzeit – der schönste Tag im Leben einer jeden Frau. Und der Tag, der den Beginn eines lebenslangen Abenteuers darstellen soll. Zumindest, wenn man den Erzählungen Glauben schenkt, die einem oft schon von Kindesalter an eingebläut werden. Und auch im Erwachsenenalter symbolisiert die Eheschließung einen essenziellen Meilenstein – und steht dafür, angekommen zu sein, das Leben geschafft zu haben. Wirklich vollkommen ist man nur mit einem Partner oder einer Partnerin. 

Zwei Hände hätten ein Herz aus Pappe, das die Liebe symbolisiert, fest.

Auf der Suche nach der anderen Hälfte

Und das ist nicht einmal eine moderne Idee. Bereits in Platons Symposion tauchten die sogenannten „Kugelmenschen“ auf – kugelrunde Wesen mit zwei Köpfen, vier Armen und vier Beinen. Dem Mythos nach wurden sie von Zeus in zwei Hälften gespalten – und dazu verdammt, bis zum Auffinden ihrer anderen Hälfte nicht vollkommen zu sein. Damit wurde der Mensch geboren – stets auf der Suche nach seinem Gegenstück. Um als Mensch wirklich „ganz“ zu sein, gehört also ein Partner beziehungsweise eine Partnerin – nicht mehr, nicht weniger. Und seit einigen Jahrhunderten eben auch die Ehe. Trotzdem zeichnen Studien mittlerweile ein etwas anderes Bild: Die Heiratsraten sind in den OECD-Ländern nun seit Jahrzehnten rückläufig. Und was vorher als selbstverständlich galt, wird häufig infrage gestellt: Ist die Ehe wirklich noch zeitgemäß?

Ehe bringt oft Nachteile – vor allem für Frauen

Trotz aller Romantik scheint die Popularität der Ehe zu schwinden – nicht zuletzt, weil sie in den Augen vieler Feminist:innen auf patriarchalen Strukturen basiert. Denn noch immer werden beim Ehegattensplitting insbesondere Partnerschaften begünstigt, in denen eine:r mehr verdient als der oder die andere. Nicht selten verdient in heterosexuellen Partnerschaften der Mann mehr als seine Partnerin – die, in vielen Fällen beginnend mit der Elternzeit, häufig in Teilzeit arbeitet und einen Großteil der Care-Arbeit verrichtet. Laut Statistischem Bundesamt arbeiteten 2020 zwei Drittel aller erwerbstätigen Mütter in Teilzeit. Bei Vätern waren es gerade einmal sieben Prozent. 

Abbildung des Covers von Emilia Roigs Buch "Das Ende der Ehe – für eine Revolution der Liebe".Die Politologin und Autorin Emilia Roig geht sogar so weit, zu sagen, dass die Ehe die Unterdrückung der Frau aufrechterhalte. Ihre Argumentation trifft den Zeitgeist und spiegelt eine wachsende Skepsis wider, die viele Menschen gegenüber der traditionellen Ehe empfinden. Andere sind optimistischer – schließlich sei die Ehe das, was man daraus mache. 

Neue Beziehungskonzepte

Doch nicht nur die Ehe wird infrage gestellt – sondern mit ihr auch das, was wir lange über Beziehungen zu wissen glaubten. Das lang propagierte Ideal einer monogamen Verbindung „bis dass der Tod uns scheidet“ verliert zunehmend an Überzeugungskraft. Immer mehr Menschen suchen nach alternativen Beziehungsmodellen, die ihren individuellen Bedürfnissen und Vorstellungen von Liebe und Partnerschaft entsprechen. Ob unverheiratet mit Kindern, glücklich als Single oder in einvernehmlicher Polyamorie – die Definitionen von Beziehungen werden vielfältiger und inklusiver. Auch gibt es verheiratete Paare, die nicht zusammenleben. 

Nicht ohne Grund faszinieren uns also Ratgeber und Artikel rund um das Thema Beziehung. Ende 2023 widmete das ZDF Magazin Royale dem Thema Ehe eine ganze Folge – und beleuchtete vor allem die unromantischen Schattenseiten bezüglich Steuer und Rente. Im Februar 2024 titelte dann auch Der Spiegel „Neues Liebesleben – Wie Beziehungen heute funktionieren“. Wie, wen und mit welchen Rahmenbedingungen wir lieben wollen, beschäftigt uns offensichtlich. Es erfolgt ein Umdenken, auch medial. Die Ehe als Institution wird kritisch hinterfragt. Dabei geht es mitnichten um eine Ablehnung der Monogamie, sondern letztlich um eine Erweiterung unserer Vorstellungen von einem glücklichen Leben.

 

Die dänische Psychologin, Sexologie und Autorin Ann-Marlene Henning spricht auf der Trendvernissage 2024 von Adel & Link.

Ann-Marlene Henning, Psychologin und Sexologin, forscht zu Beziehungsfragen und berät Paare bei Herausforderungen. Auf unserer diesjährigen Trendvernissage sprach sie über offene Beziehungen und das Kommen und Gehen von Trends. Ihr Fazit: Egal welches Beziehungskonzept, der Kern unserer Bedürfnisse hat sich nie geändert – wir wollen echte Verbundenheit spüren und so gesehen und respektiert werden, wie wir sind.

Ein neues Kapitel für die Liebe

Ob die Ehe im Lichte dieses Diskurses bald zum Auslaufmodell wird, bleibt fraglich. Denn noch immer trauen sich viele: Im Jahr 2022 wurden immerhin noch 390 700 Ehen in Deutschland geschlossen (Im gleichen Zeitraum wurden übrigens rund 137 400 Ehen geschieden). Doch vielleicht ist es an der Zeit, dass wir unser Verständnis von glücklichen Beziehungen erweitern. Indem wir traditionelle Beziehungskonzepte hinterfragen und uns für andere Lebensentwürfe öffnen, entdecken wir ganz neue Möglichkeiten und Modelle – jenseits vorgefertigter Ideale.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über die Autorin Melissa Walker:

Melissa Walker ist Senior Consultant Research & Data StorytellingMelissa ist Senior Consultant Research & Data Storytelling. In ihrer Rolle befasst sie sich vor allem mit den Themen Datenkommunikation und Trends. Zudem schreibt sie gern deutsche und englische Texte. Bevor sie 2019 bei Adel & Link begann, machte sie ihren Bachelor in English Studies & Spanish und ihren Master in Strategic Communication & PR.

 

 

 

 

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Fotos: Unsplash: kelly Sikkema; Marvin Fuchs (Ann-Marlene Henning)